Mehr als Plug & Play: Die Umstellung auf Elektromobilität im Busbereich ist komplex

In Darmstadt gibt es viele Fürsprecher für Elektromobilität im Busbetrieb. Entsprechend groß ist die Ungeduld. Doch der Systemwechsel für eine komplette Flotte ist ein komplexer langwieriger Prozess. 2025 soll er abgeschlossen sein. Selbst wenn die Industrie ausreichend Fahrzeuge liefern könnte, ist es mit dem Kauf der Busse allein noch lange nicht getan. Denn die Abkehr vom Diesel entspricht einer kompletten Systemumstellung. Bei uns am Böllenfalltor werden sich dadurch zahlreiche interne Abläufe ändern und auch die nötige Infrastruktur ist noch im Werden.

Reichweite bestimmt Betriebskonzept

Während konventionelle Dieselbusse einfach an unserer Tankstelle binnen weniger Minuten vollgetankt werden können und sie damit meist locker über den Tag kommen, benötigen wir auf unserem Betriebshof Böllenfalltor für die E-Busse ausreichend Ladestationen und darüber hinaus ein ausgefeiltes Lademanagement. Denn der Ladevorgang für einen Elektrobus nimmt mehrere Stunden in Anspruch und muss folglich vorrangig nachts erfolgen. Bislang waren die Kursumläufe für unsere Linien auf die Dienstlängen der Fahrer abgestimmt, künftig ist bei der Einsatzplanung der Elektrobusse deren Reichweite der bestimmende Faktor. Auf diesen Paradigmenwechsel muss künftig folglich auch unser Betriebskonzept ausgerichtet sein – ein Prozess, der ebenso umfassend wie komplex ist und viele Abteilungen im Unternehmen tangiert.

Spezialsoftware für Elektromobilität erforderlich

Welcher Bus ist mit welcher Kapazität wo unterwegs und wann kann er an welchem Ladepunkt geladen werden? Bei ein paar wenigen E-Bussen lässt sich die Einsatzplanung noch relativ einfach handhaben. Aber bei 76 E-Bussen und deren täglichen Einsatz sieht die Sache schon anders aus. Da ist ein intelligentes Lade- und Betriebshofmanagementsystem erforderlich, das alle notwendigen Informationen über die Fahrzeuge, die Ladeinfrastruktur und die Fahrpläne zusammenführt, damit am Ende eine stimmige Einsatzplanung erstellt werden kann.

Einmal Volltanken, bitte! Ein gutes Lademanagement ist das A und O.
Einmal Volltanken, bitte! Ein gutes Lademanagement ist das A und O.

Derzeit erarbeiten wir gerade das Lastenheft für unser neues Betriebshofmanagementsystem (BMS). Die Ausschreibung dazu ist für Mitte des Jahres geplant. Im Anschluss daran folgt dann die Ausschreibung des Lademanagementsystems (LMS). Beide Systeme müssen gut miteinander kommunizieren und müssen über Schnittstellen mit unserer Verkehrsleitstelle und unserer Ladeinfrastruktur verbunden sein. Im Idealfall könnten unsere Disponenten auf der Leitstelle dann beispielsweise in dem System jederzeit sehen, mit welcher Reichweite ein Bus am Abend einfährt und ihm auf dem Betriebshof einen freien Ladepunkt zuweisen. Lernfähig sollte das System auch noch sein, denn die Reichweite der Busse ist ja nicht immer gleich, sondern ändert sich in Abhängigkeit von Faktoren wie Außentemperatur und Fahrzeugalter – hohe Anforderungen für eine Software. Bevor die neue Software zur Anwendung kommen kann, muss jedoch erst die „Hardware“ installiert werden: Die Ladeinfrastruktur. 

Neue Trafostationen und Dacharbeitsplätze

Während die ersten beiden Busse bei uns noch an mobile Ladestationen geladen werden, entsteht derzeit auf unserem Betriebshof Böllenfalltor eine Ladeinfrastruktur, um insgesamt 76 E-Busse zu versorgen. Zunächst wurden im Februar und März dieses Jahres die Leerrohre verlegt, in denen später die Hochspannungsleitungen laufen. Seit dem 16. Mai steht auch die erste von zwei Trafostationen, die künftig dafür sorgen, dass der Strom von Hoch- in Niederspannung transformiert wird. Jede von ihnen enthält zwei Transformatoren, die jeweils 18 Ladepunkte mit Strom versorgen können – insgesamt also 72 Ladepunkte. In Kürze werden die Hochspannungskabel verlegt und im Oktober folgt der Aufbau der 28 Gleichrichter. Jeder Gleichrichter versorgt zwei Ladepunkte mit einer maximalen Ladeleistung von 150 kW.

Am 16. Mai wurde eine der beiden Trafostationen geliefert, die zukünftig die 72 Ladepunkte mit Strom versorgen.
Am 16. Mai wurde eine der beiden Trafostationen geliefert, die zukünftig die 72 Ladepunkte mit Strom versorgen.

Da die Batterien bei den Bussen in der Regel auf dem Dach verbaut sind, entstehen in unserer Buswerkstatt zwei Dacharbeitsstände. Damit wir alle Arbeiten an den Fahrzeugen auch sach- und fachgerecht ausführen können, bilden sich die Werkstattkollegen über Schulungen weiter. Ganz wichtig dabei sind die Sicherheitsunterweisungen für das Arbeiten im Hochvoltbereich.

 

Die Umstellung auf Hochvolttechnik erfordert Anpassungen in der Buswerkstatt.
Die Umstellung auf Hochvolttechnik erfordert Anpassungen in der Buswerkstatt.

 

E-Learning: Schulungen für Fahrpersonal und Techniker

Auch das Fahrpersonal muss auf die neuen Busse eingewiesen werden. Auch dort sind Sicherheitsunterweisungen erforderlich, ohne die sie die neuen Busse gar nicht fahren dürfen. Darüber hinaus müssen sich alle Fahrerinnen und Fahrer auch mit dem Beschleunigungs- und Bremsverhalten der Busse auskennen. Ein Großteil der Einweisungen ist bereits mit unseren ersten E-Bussen im vergangenen Jahr erfolgt.

Papierkram: Förderanträge und Ausschreibungen

Einen riesigen Berg von Arbeit gibt es für die meisten unsichtbar im Hintergrund. Noch bevor der erste Bus überhaupt bestellt werden konnte, mussten Förderanträge für eine finanzielle Bezuschussung geschrieben werden. Denn ohne finanzielle Förderung sind E-Busse für Kommunen viel zu teuer. Auch wenn sich ein E-Bus im Laufe seines Lebens wirtschaftlich rechnet, ist der Kaufpreis am Anfang bei einem E-Bus ungefähr doppelt so hoch wie bei einem Dieselbus. Wir haben für unsere ersten beiden E-Busse vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) eine Förderung in Höhe von 273.000 Euro erhalten. Die Beschaffung von weiteren 28 E-Bussen bis 2021 wird durch 8,9 Millionen Euro ermöglicht, die uns das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit aus dem Sofortprogramm „Saubere Luft“ zur Verfügung stellt.

Sind die Fördermittel erstmal eingeworben folgt die Vorbereitung der Ausschreibung. Denn als kommunales Unternehmen müssen wir bei solchen Investitionssummen die Beschaffung europaweit ausschreiben. Da sind zahlreiche rechtliche Formalitäten zu beachten. Die Ausschreibungsunterlagen müssen erstellt werden und können schnell mal 100 Seiten umfassen. Auch kommunikativ fällt einiges an Arbeit an. Unsere Unternehmenskommunikation hat alle Hände voll zu tun, um nicht nur die interessierte Öffentlichkeit zu informieren, sondern auch betriebsintern alle Beschäftigten auf dem aktuellen Stand zu halten. Denn natürlich möchten alle über die zu erwartenden Umstellungen und Anpassungen informiert sein. Dieser Blogbeitrag ist ein kleiner Teil davon.

 

 Neugierig geworden?

Weitere Informationen rund um das Thema E-Busse haben wir auf den folgenden Seiten bereitgestellt:

Fünf Gründe, warum E-Busse im ÖPNV sinnvoll sind

Über Sinn und Unsinn der E-Mobilität im Individualverkehr wird heftig gestritten. Im ÖPNV ist die Umstellung jedoch sehr sinnvoll.

Was dafür spricht, beschreiben wir hier.

 

Fakten, Fakten, Fakten: Fragen und Antworten zu unseren E-Bussen gibt es hier:  FAQ E-Busse

Wir haben die häufigsten Fragen und Antworten zu unseren zusammengestellt. Hier findet man Informationen zu den Fahrzeugen, zum Betriebskonzept, zur Finanzierung u.v.m.

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